Wie man ein chinesisches Geschäftsessen in Indonesien überlebt, ohne den Gastgeber zu enttäuschen.

Chinesisches Dinner in Indonesien (c) pixabay
Chinesisches Dinner in Indonesien (c) pixabay

Ach Mann!

Mir liegt mal wieder ein Angebot zu einem Sales Projekt in Südostasien vor. Diesmal Indonesien. Ich male mir schon meine Füße aus, wie sie sich nach einem langen Arbeitstag entspannt bis zu den Knöcheln in den weißen Sandstrand graben, während meine Lippen den Weg zum Strohhalm meines Cocktails suchen. Balis beste Bilder ziehen vor meinem inneren Auge vorbei. „SURABAYA!“ Lese ich jedoch im rundown.

„Kundenakquise in Surabaya.  Surawas?“  Su-Ra-Ba-Ya, wortwörtlich übersetzt: Hai-Krokodil. SoSo. Es handelt sich um die Second City der indonesischen Insel Java, eine 4,5Mio. Einwohner Metropole mit Potential und selbsternanntes Elektronikmekka im Südpazifik. Industriestadt mit strategisch entscheidendem Handelshafen und Ubootstandort der Deutschen im zweiten Weltkrieg. Darauf sind die Surabayer besonders stolz, sodass sie ein U-Boot im Zentrum der Stadt parken. Eine halbe Stunde von Bali entfernt – Ach Mann! In den Google Ergebnissen gibt es nichts, was mich von engagierten Salesterminen abhalten würde. Nochmal ach Mann!

So lasse ich meine Badehose zuhause und begebe mich ohne großer Erwartungen auf die Reise. Eine Welt- und Tagesreise später komme ich im JW Mariott Surabaya an, werde sogleich von meinen Partnern empfangen und zum gemeinsamen Icebreaking Dinner geleitet. Ich freue mich auf indonesische Kulinarik und male mir eine Symphonie der Düfte, gefolgt von einer paukenschlagartigen Geschmacksexplosion, wie ich sie von den Straßen Thailands oder Singapurs kenne, aus.

Indonesier lieben chinesisch

Weit gefehlt: Meine Freunde lauern bereits wie ein Rudel ausgehungerter Hyänen vor dem knallroten runden Tisch, der liebevoll von einem filigran gepinselten bunten Drachen umrahmt wird. Aufmerksam bewacht der Drache eine Legion glänzend weißes Porzellan, welches mit nicht minder dekorativen Heldenszenen bemalt ist. Heute gibt es zur Feier des Tages traditionelles chinesisch im besten Restaurant der Stadt, dem Tang Palace Chinese im JW Mariott. – „Och, knusprige Ente ist auch ganz toll, dann eben morgen Indofood.“

Dinner vom Fisch geküsst

Auf meine beliebten Chinesenklassiker M34 süß-sauer und M7 mit extra Reis und Pflaumenwein warte ich vergeblich, stattdessen prasselt ein Häppchen Staccato der Sonderklasse auf mich ein. Eine Vorliebe der Küchenchefs für Meeresgetier und experimentelle Körperteile nehme ich dennoch wahr.

Insgesamt wurden uns sieben Gänge serviert. Vier davon darf ich hier kurz vorstellen, auch wenn ich mir damit keinen guten Ruf als „Foodieshooter“ mache.

Haifischsuppe

Das war spannend und wollte ich schon immer probieren, Die ausgelösten Knorpel der Schädelknochen störten allerdings etwas…

chinesisches Dinner in Surabaya, Indonesien
chinesisches Dinner in Surabaya, Indonesien – Haifischsuppe garniert mit Schädelknorpel

Allerlei Getier

Oktopus und Prawns liebe ich – Quallensalat war mir neu, diese Monster kannte ich bislang nur vom Elektroschock im Meer. Gewöhnungsbedürftig; die Vanillenote zum Seafood…

chinesisches Dinner in Surabaya, Indonesien
chinesisches Dinner in Surabaya, Indonesien. Panierter Prawn und Baby Oktopus in Chili mit Quallensalat und Vanille-Melonen Dressing

Noch mehr Wasserzeugs

Dieser Gang fiel mir besonders schwer. Ich kann mich heute nicht mehr daran erinnern, ob die Fischlippen oder die Seegurke glibberiger und wabbeliger war. Jeder Bissen transportierte mich direkt auf einen Fischkutter auf hoher See, der seit Wochen Tierkadaver in der prallen Sonne transportierte. Einen derart ekeligen Fischgeschmack hatte ich zuletzt bei paniertem Karpfen Sperma (Ja so etwas gibt es auch!) Die labbrige Haut eines hiesigen Salzwasserfisch war die lukullische Draufgabe, die sich wie Leim an die Zunge schmiegte.

chinesisches Dinner in Surabaya, Indonesien
chinesisches Dinner in Surabaya, Indonesien – Meeresvariation mit blanchierter Seegurke, Fischlippen und Ikan Haut auf Brokkoli

Fischcocktail

Toll – ein Drink um den Fischgeschmack hinunterzuschwämmen. Mit Minze – das sollte mich aufbauen, wären da nicht 76 Fischeier im Gesöff verloren gegagen. Ich hab sie gezählt – alle – als sie über meine Gurgel kullerten.

chinesisches Dinner in Surabaya, Indonesien
chinesisches Dinner in Surabaya, Indonesien – Litschi-Limettensaft mit Kaviar und leichter Minznote

Mit feuchtem Auge und pelziger Zunge lasse ich Gang um Gang mich infiltriern. Die Gschmäcker, ich lasse sie unter gequältem Mmmhhh ziehen. „Very good?“ nicken meine Partner mit erhobenen Stäbchen. Ich nicke zurück und bleibe meiner auswendig gelernten Etikette beim Tischgespräch treu. Drei Stunden, die mein Jetlag auf drei Jahre dehnte später, erhalte ich das erlösende Geschenk, ich lockere meine Krawatte und überreiche mein Präsent aus Europa. „We happy that you come. Tomorrow we hear more, colleague will come, pick you up.“ – Ich bin im Rennen!

Business Knigge für Indonesien

Was ich in jeder Sekunde befolgte, war die universelle Business Knigge, die mich kulturelle Fettnäpfchen vermeiden ließ, wenn man sie schon essen muss.

  • Beim ersten Treffen gibt man sich die rechte Hand und legt sie dann auf die linke Brustseite. In moslemischen Gebieten sollte ein Mann einer Frau nur dann die Hand reichen, wenn dies von ihr ausgeht. Visitenkarten beim Vorstellen austauschen.
  • Es wird gerne und immer sehr reichlich eingeladen, sowohl nach Hause als auch ins Restaurant. Über ein verpacktes Geschenk, das unbedingt mit der rechten Hand überreicht werden muss, freut man sich. Ausgepackt wird allerdings erst später. Üppiges Essen in großer Runde lieben die Indonesier. Es wird mit Löffel und Gabel gegessen, wobei die Gabel mit der linken Hand gehalten wird. Obwohl der Islam vorherrschende Religion ist, wird Alkohol in geringen Mengen konsumiert.
  • Beim Geschäft mit Indonesiern sollte man reichlich Zeit mitbringen. Visitenkarten sind sehr wichtig und sollten immer mit der rechten Hand überreicht werden.
  • Damit Konflikte vermieden werden, packt man Absagen gern in viel komplizierte Sätze die nur schwer zu verstehen sind. Niemals Kritik vor Dritten äußern.
  • Menschen werden nach ihrer Kleidung beurteilt, daher immer formell gekleidet sein – ein leichter Anzug oder zumindest ein langärmliges (!) Hemd und Krawatte bzw. Kostüm oder hochgeschlossenes Kleid sind angebracht !
  • Weiß ist die Farbe der Trauer. Tempelbesuche nur in angemessener Kleidung.
  • Körperberührungen zwischen Mann und Frau sind tabu
  • Ärger zeigen oder laut werden ist verpönt
  • Vor der Brust verschränkte Arme oder in den Hüften gestützte Arme wirken beleidigend !
  • Achtung ! Nicht auf Opfergaben treten die vor Tempeln, Häusern und Geschäften liegen !?!
  • Wenn dem indonesischen Gegenüber eine Frage peinlich ist, hält er/sie die Hand vor den Mund und lacht ohne Begründung… Oder er/sie ist besoffen.

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